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Annette Spellerberg

“Gesellschaft / Gesellschaften – Differenzierung und Inklusion, ein integrativer Prozess?”

Ohne Zweifel leben wir in einer komplexen, ausdifferenzierten Gesellschaft, die vor allem durch die Internationalisierung und Digitalisierung verändert und sehr dynamisch mit anderen Gesellschaften verwoben wird, so dass von einer Zäsur und nicht nur von sozialem Wandel gesprochen wird. Dies äußert sich in aktuellen Zeitdiagnosen und theoretischen Ansätzen: So hat Niklas Luhmann hat 1997 einen großen Entwurf der „Gesellschaft der Gesellschaft“ vorgelegt, Zygmunt Bauman (2000) hat den Term „Liquid Modernity“ geprägt, Manuel Castells (2001) hat drei Bände zur „Netzwerkgesellschaft“ verfasst und Stefan Lessenich hat auf die internationale Arbeitsteilung und Ungerechtigkeiten in der „Externalisierungsgesellschaft“ aufmerksam gemacht (2016). Globalisierung, Mobilität und Digitalisierung wirken in allen Lebensbereichen, von der Makro- bis zur Mikroebene zwischenmenschlicher Beziehungen und psychologischer Prozesse. Das mobile Internet auf dem Smartphone hat beispielsweise unsere Art, sozialen Kontakt zu pflegen, mit Whats App und Instagram maßgeblich verändert.

Ausgehend von den großen gesellschaftlichen Trends stellt sich die Frage nach neuen und alten Grenzziehungen, Exklusionen, sozialen Zugehörigkeiten und Identifikationen. Wir werden die Menschen in die Gesellschaft inkludiert – sofern überhaupt von „der Gesellschaft“ gesprochen werden kann, die zudem an der Grenze des Nationalstaates nicht aufhört? Die Differenzierung sozialer Lagen und die Integration bzw. Inklusion der Vielfalt in gesellschaftliche (Sub-)Systeme wird intensiv in der Fachöffentlichkeit diskutiert.

Insbesondere städtisches Leben bedeutet die Integration von Fremden, die Ausbildung von (Sub-)Kulturen und das Vorantreiben sozialer, kultureller und technischer Innovationen. Die Zuwanderung von Geflüchteten aus Krisen- und Kriegsgebieten in den Jahren 2014/15 hat das Thema Integration bzw. Inklusion neu belebt. In Deutschland haben 20 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund und in vielen Städten liegt der Anteil nahe 40 %, wobei in den jüngeren Generationen der Anteil noch höher ist. Die Chancen, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und sozial integriert zu sein, liegen offenbar in Städten im Durchschnitt höher als in kleinstädtischen und ländlichen Siedlungen – vor allem in Westdeutschland. Der alltägliche Umgang mit Fremden ist seit Jahrzehnten ein Wesensmerkmal westdeutscher städtischer Gesellschaften.

Die städtische Bevölkerung ist selbstverständlich in sich nicht homogen und verändert sich ständig. In der Lebensstil- und Milieuforschung werden die Menschen nach ihrer sozialen Schichtzugehörigkeit, Werthaltungen und kulturellen Präferenzen unterschieden. In verschiedenen Typologien werden wohlhabende, etablierte Milieus, pragmatische, aufstiegsorientiere Milieus, traditionelle, hedonistische oder zurückgezogene Typen identifiziert – neben anderen. Diese Milieus haben bestimmte Vorlieben und bevorzugen bestimmte Orte, an denen sie sich aufhalten. Es ist beispielsweise möglich, dass sich konservativ Etablierte und mobile, technisch orientierte Avantgardemilieus nicht begegnen, da sie unterschiedliche Orte bewohnen und verschiedene Verkehrsmittel nutzen. Nicht nur der Zuzug von Fremden, sondern auch die Einheimischen machen die bunte und sich wandelnde Stadtgesellschaft aus.

Die Begegnung der Vielen findet vor allem im öffentlichen Raum statt, in dem die Menschen typischerweise friedlich und freundlich distanziert miteinander umgehen. Der öffentliche Raum wird zugleich beschnitten durch Privatisierungen, Kommerzialisierungen und Sicherheitsbedürfnissen, die den allgemeinen Zutritt für die Bevölkerungsgruppen erschweren, die den Erwartungen nicht entsprechen (z.B. Ärmere, bestimmte jugendliche Subkulturen, bestimmte rassische Merkmale). Die Vielfalt muss ertragen werden können, denn über unsere Sinne (Augen, Ohren, Nase) nehmen wir die Anderen auf. In den hochkommerzialisierten Citylagen werden vor allem die konsumierenden Bevölkerungsgruppen angesprochen.

Die Vielfalt der Städte selbst wird nicht nur durch ihre Historie und baulichen Eigenarten bestimmt, sondern auch durch die Ausprägung spezifischer Wohnviertel für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Ein „Kiez“ entsteht durch eine Konzentration bestimmter Bevölkerungsgruppen, die eine für sie wichtige Infrastruktur ausprägen und Lokalkolorit erzeugen, die für die Bevölkerung als Stabilitäts- und Identifikationsanker in einer Stadt dienen können. Die Integration in bestimmte Stadtviertel erleichtert es, nahräumliche soziale Kontakte mit Personen mit ähnlichen Lebensstilen, Verhaltens- und Denkweisen aufbauen und sich zugehörig zu fühlen. Gelingt eine gesellschaftliche Integration in die Subsysteme Bildung, Arbeit, Wohnungsmarkt, Institutionen und Kultur nicht, spezifische Zutritts- und Spielregeln aufweisen und eine bürgerliche Existenz sichern, ist allerdings auch das Zusammenleben in den Stadtquartieren in Gefahr. Wie Walter Siebel in vielen Beiträgen immer wieder aufzeigt, erfolgen Abwehrreaktionen auf Fremde häufiger, wenn die eigene Existenz gefährdet ist und Unsicherheitsgefühle (z.B. vor geöffneten Grenzen) überhand nehmen (dies gilt z.B. für Ostdeutschland).

Integration erfordert daher ein nicht nachlassendes Bemühen des Staates, alle Bevölkerungsgruppen unabhängig von ihrer ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit in die zentralen Subsysteme aufzunehmen, Arbeitsmöglichkeiten, bezahlbare, bedürfnisgerechte Wohnungen oder den Zugang zu Bildungszertifikaten zu bieten. Die Voraussetzungen für Integration, also die Teilhabe an Arbeit, Wohnen und Bildung, müssen dabei teilweise erst geschaffen werden und erfordern hohe und vor allem stabile Investitionen und Strukturen. Die Teilhabe und Mitwirkungsmöglichkeiten der vielfältigen sozialen Lagen und Gruppen an der Stadtgesellschaft sind herausfordernde Aufgaben einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Dies trifft vor allem auf Städte zu, in denen ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügt, von Wahlen auch auf kommunaler Ebene ausgeschlossen ist und demokratische Strukturen nicht gewohnt ist. Differenzierung und Inklusion kann ein integrativer Prozess sein, wenn die Anstrengungen für alle Seiten anerkannt werden.