20, 19 – 2026: bauhaus back to school
bauhaus reuse, re:bauhaus, «modernpunk» – Moderne, Pandemie und Zukunft

Aus aktuellem Anlass zum «New European Bauhaus» der Europäischen Kommission, anhand der Rede von Ursula von der Leyen vom 16. September 2020. (Link zum Video)

Eine Überlegung: 2020 wäre 2019 gewesen. Das Corona-Jahr 2020 wäre auf das Bauhaus-Jahr 2019 gefallen. Nicht nur unser Leben, auch die gesamte Diskussion über die Entstehung der Moderne wäre eine andere gewesen; davon abgesehen, dass einiges an Projekten ausgefallen oder ganz anderes abgelaufen wäre. In 2019 war auch 100 Jahre Pandemie – bezogen auf die fürchterlich tödliche zweite im Winter 1918/1919 und dritte Welle im zweiten Jahr der Spanischen Grippe. Wobei 1920 das dritte Jahr der damaligen Pandemie war, und auch das letzte.
Doch dieses Thema hat letztes Jahr beinahe niemanden interessiert, jedenfalls nicht die Gesamtheit der Weltbevölkerung, nicht die Welt-Politik und auch nicht die EU-Kommission – die aktuell die inhaltliche Brücke schlägt mit der Ankündigung ein «neues Europäisches Bauhaus» zur errichten, anlässlich des 750 Milliarden schweren Corona-Wiederaufbauprogramms «Next Generation EU».

Auch 100 Jahre Weimarer Republik war 2019, auch das kam zur kurz – aber dieses gruselige Doppel-Jubiläum einer neuerlichen Pandemie und der Bauhausgründung wurde bemerkenswert knapp verpasst. Das lässt nicht nur im Rückblick erstaunt erstarren. Wir wussten eine Pandemie stand mit am Anfang der Moderne und wissen heute fast genau 100 Jahre später folgte die nächste. Dass sich die Moderne und das Bauhaus eben auch nach der Spanischen Grippe entwickelten, dieser Zusammenhang ist sicherlich gegeben, wenn wir heute auf die einschneidenden Wirkungen der Pandemie blicken. Nach den Verwüstungen des WK I war die damalige Pandemie ungemein verheerend, nicht nur in den Todeszahlen – alleine mit der unteren Schätzung von 20 Millionen tötete sie mehr als der Krieg von 1914-1918, ganz zu schweigen von den 50 Millionen Todesfällen am moderaten oberen Ende der Schätzskala – sie entfaltete auch eine ungemein alltägliche Wirkung. Es ist daraufhin keine Spekulation, dass mit eine Reaktion darauf diese Blüte der Innovation war, einschließlich der Lebensbejahung der 20er Jahre, dieser Aufbruch in eine neue moderne Zeit. Vielleicht werden wir ähnliches erleben, vielleicht auch nicht. Wohl wissend, dass damals bereits kurz danach Europa durch deutsche Hand ein zweites Mal beinahe unterging.

Doch beim Rückblick auf 2019 wird klar, dass dieser Blickwinkel bisher zu kurz kam, insgesamt, bei der Betrachtung der Moderne und ihren prägenden Impulsen stand die damalige Pandemie nie im Vordergrund. Fast unglaublich mutet dies an, wenn neben den extremen Todeszahlen bewusst wird, dass beispielsweise das Tragen von Masken in öffentlichen Bereichen und Begriffe wie «Social distancing» keine neuen Maßnahmen oder Wortschöpfungen von heute sind, sondern tatsächlich vor 100 Jahren entstanden. Umso erstaunlicher, wie schwer sich viele Menschen heute damit tun – die letzten 100 Jahre sollten zumindest Beweis dafür genug sein, dass diese Maßnahmen nicht in Kürze in einer politischen Verschwörung münden werden. Der Terror des zweiten Weltkriegs und die Nazi-Herrschaft kamen auf anderem Wege zu Stande. Aber auch das nur eines von vielen Argumenten gegen rechte Verschwörungstheorien, auch wenn eigentlich ein ziemlich gutes.

Blicken wir wieder auf das Bauhaus: nicht auszudenken, wenn Corona und das Bauhaus-Jahr 2019 zusammengefallen wären. Wir hätten, ist zu vermuten, nicht nur ganz anders diskutiert. Wobei es auch aus heutiger Sicht geradezu unseriös anmutetet, dass dieser Kontext nicht mehr hinterfragt wurde. In allen diesen Quellen und auf allen diesen Fotos, die in der Breite zum Bauhaus und zur Moderne zitiert wurden und werden, hat eigentlich keine Bezugnahme auf die damalige Pandemie stattgefunden. Und noch mehr: standen die Moderne und das Bauhaus doch für eine Verbesserung der Lebensumstände, den Zugang zu hygienischen Verhältnissen und auch das quasi Motto «Licht, Luft, Transparenz» mutet an wie ein früher Slogan zu den Corona-Maßnahmen. Wobei die Forderungen nach frischer Luft und Sonne durchaus für die Verbesserung der Hygiene, gegen Krankheit und Siechtum standen. Doch ragen konkret zum Thema Pandemie keine prominenten oder zumindest besonderen Konzepte oder Positionen aus dem Kreis des Bauhauses oder der modernen Protagonist*innen heraus, jedenfalls keine, die öffentlich oder fach-öffentlich zuvor oder bisher in den Mittelpunkt gerückt würden.
Erstaunlich bei dieser zeitgleichen Jahrhundert-Katastrophe. Obwohl es historische Fakten gibt, dass es damals zur Pandemie-Bekämpfung unter anderem sehr weitreichende Hygiene-Maßnahmen gab, Schul-Schließungen, die Einstellung des öffentlichen Personenverkehrs und auch historische Fotos das Tragen von Masken als ähnlich bemerkenswerte Auswirkungen auf öffentliche Einrichtungen zeigen. Am Bauhaus in Weimar, doch Inbegriff der fortschrittlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, scheint es, wurde gearbeitet, geforscht, auch schon fotografiert (noch nicht als Lehrfach), gemeinschaftet, gefeiert und geliebt, dass es im Rückblick wirkt, als hätte keine sonderliche Pandemie-Gefahr bestanden.
Werden wir einmal auf 2020 zurückblicken, wird die Sichtbarkeit von Corona sicherlich allgegenwärtiger sein. Vielleicht waren die offensichtlichen Auswirkungen 1919 aber auch bereits wieder am abklingen, auch dieses Phänomen kennen wir heute – gerade diskutiert die Welt die Sorglosigkeit im Umgang mit der Pandemie, die zu einer massiven zweiten Welle führen könnte.

Fest steht, die Blüte und die Innovativ-Kraft der Moderne der 1920er Jahre und des Bauhauses waren enorm und resultierten eben nicht zuletzt aus einer Überwindung von Krieg, Leid und – und das vor allem – aus dem Gegenentwurf zu verkommenen Konzepten in Kultur und Gesellschaft.
Dass die Pandemie neue Ideen in der Konzeption und Gestaltung fordert und Entwickler*innen, Designer*innen und vielleicht auch Architekt*innen bereits in den Startlöchern stehen, dies mit konkreten Vorschlägen und Projekten zu füllen, ist derzeit vielfältig zu hören und nachzulesen. Doch die meisten dieser Ansätze – abgesehen von konkreten Hygiene- und digitalen Schutzkonzepten – sind nicht neu, sondern waren bereits davor mehr als dringliche Anliegen zu mehr Nachhaltigkeit, für die Energie- und Mobilitätswende und für mehr Kreislaufwirtschaft, auch für mehr Digitalisierung, mehr sozialer und ökologischer Resilienz hinsichtlich Klimawandel, Migration und globaler Ungleichheit.

Ein neuer Aufbruch und eine neue Innovativ-Kraft, wie zu Beginn der Moderne, ist somit jedenfalls noch nicht erkennbar. Dies zu fordern und zu fördern wird nicht ausreichen. Auch ein noch so zuvorkommend ausgestattetes Institut wird sonst auf weiter dürrer Flur zum exklusiven Leuchtturm – das Bauhaus in Dessau im Hinblick auf die 1930er Jahre ist dafür das beste Beispiel.
Hierzu bedarf es vielerorts eines fruchtbaren Ackers auf dem viele Institutionen und Akteuer*innen dezentral Innovatives zum Blühen bringen können und vor allem – und nur insofern sich diese verbinden und gegenseitig bestärken – des tatsächlichen Momentums aus der Gesellschaft zum kreativen Neunanfang.

re:bauhaus, bauhaus reuse oder neu und europäisch
Der europäische Gedanke als Grundlage ist schon einmal sehr gut, besser als nationale Alleingänge – aber auch hinsichtlich des Ursprungs der Moderne. Wir in Deutschland wären dabei gut beraten vor allem unsere Position in Mitteleuropa, mit Blick auf unsere östlichen beziehungsweise mittel-mitteleuropäischen Nachbarn, mehr zu schätzen und dabei auch überkommene Ost-West-Schemata endlich abzulegen.
In dieser mitteleuropäischen Konstellation ist schließlich vor 100 Jahren eine guter Teil der Blüte der Moderne gewachsen, wie der Funktionalismus; auch ein Aspekt, der 2019 leider etwas zu kurz gekommen ist.

Somit, spannend wird sein, zu sehen, wie viel von den Milliarden dort ankommen wird, wo der Zusammenhang zwischen dem Aufbruch der Moderne und den nötigen Innovationen in der Post-Corona-Zeit tatsächlich hergestellt wird. Hier bieten sich die etablierten Institutionen, Universitäten und initiativen Projekte an, die den kulturellen und baukulturellen Kontext der Moderne bearbeiten und mit aktuellen Themen und kreativen Formaten zu den aktuellen Herausforderungen verbinden.

Ein toller Spin wäre beispielsweise nach Corona und in Hinblick auf «Bauhaus 2026», d.h. 100 Jahre Bauhaus-Schule in Dessau, auch damit zu beginnen Jubiläen neu zu denken und zunächst für einen Zeitraum bis 2026 ein Motto «Bauhaus back to school» auszurufen: um über einen Werkstatt-Prozess über mehrere Jahre und mit einer Vielzahl von Akteur*innen diese Innovativ-Kraft im Spiegel der Moderne wieder anzuregen – und damit nebenbei dem verharrenden Blick auf die Vergangenheit beziehungsweise das reine Erbe und der Musealisierung zu entkommen.

In 2019 setzte das transnationale Festival re:bauhaus bewusst den Fokus auf die Entwicklung der Moderne in Mitteleuropa – um auch das Bauhaus eingebettet zu sehen in die Genese moderner Gesellschaften im europäischen Rahmen. Das BHR OX bauhaus reuse wurde 2019 als ein transdisziplinäres Zentrum wieder- oder neugegründet, mit dem initialen Thema Erbe der Moderne und Zukunft von Stadt und Gesellschaft, um besonders den öffentlichen Dialog und das kreative Entwickeln in den Vordergrund zu stellen.

Übrigens, dies im öffentlichen Raum in einem transparenten und offenen Gebäude als Plattform anzugehen, hat sich vor allem auch unter Corona-Bedingungen als förderlich erwiesen – das bauhaus reuse ist erstaunlich Corona-resilient. Alleinig die allseitige Transparenz ist geeignet, um auch bei Abstandsgeboten oder Personen-Beschränkungen ein größeres Publikum vor Ort ansprechen zu können. Die breiten gläsernen Doppel-Wände, mit der Anordnung der Fassadenelemente bereits vorinstalliert, ermöglichen verschiedene Konstellationen, um zwischen Vortragenden oder Performances und den Zuschauer*innen für die nötige Sicherheit zu sorgen. Die vielseitige Öffenbarkeit bietet die Möglichkeit den Außenraum einzubeziehen oder das Gebäude mit ausreichend «Social distancing» aus allen Richtungen zu durchlaufen und sorgt für einen stetigen natürlichen Luftwechsel. Der schaltbare Raum lässt sich in separierte Bereiche teilen oder einfach als Studio für digitale Übertragungen umrüsten. Das öffnet nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich andere Perspektiven – es regt neue Konzepte und performative Werke an.

Mit der aktuellen Fragestellung, wie wir uns mit der Moderne – nach der Moderne und in der Moderne – mit deren unvollendeten Projekten auseinandersetzen, erlebten wir das Einsetzen der Pandemie fast wie eine konsequente Zuspitzung dieses Themas. Vor allem gegenüber den Zukunftsentwürfen der Moderne, die sich in der Science Fiction wiederfanden und weiter entwickelten, oft in Dystopien anstatt in Utopien (Stichwort “cyberpunk”), und später wieder zurückwirkten oder heute erschreckend reale und aktuelle Entsprechungen finden. Unter dem Arbeitstitel «modernpunk» wird uns dies am BHR OX bauhaus reuse, vor allem hinsichtlich des darin enthaltenen innovativen Potentials für drängende Zukunftsfragen, im zukünftigen Programm umso mehr beschäftigen.

Robert K. Huber | zukunftsgeraeusche GbR / BHR OX bauhaus reuse | 2020