Triennale der Moderne – Interim 2020:
Live-Stream zum UNESCO-Welterbetag am 7. Juni

Ab 11 Uhr lädt die Triennale der Moderne unter dem Motto “Vielfalt Moderne | Moderne Vielfalt” dazu ein, Berlins baukulturelles Erbe des 20. Jahrhunderts online zu erleben

 

© zukunftsgeraeusche

Berlin nimmt den immer am ersten Sonntag im Juni veranstalteten UNESCO-Welterbetag 2020 zum Anlass, die im Stadtbild vielerorts und sehr variantenreich präsente Moderne stärker in den Fokus zu rücken – ein Kernanliegen der Triennale der Moderne, einem 2013 gemeinsam mit Dessau und Weimar begründeten Format, das mit dem Berliner Online-Event erstmals auch außerhalb des Drei-Jahres-Zeitraums sichtbar wird.

Angesichts der besonderen Situation in Zeiten von Corona präsentieren das Landesdenkmalamt Berlin und das Berliner Netzwerk der Triennale der Moderne am 7. Juni 2020 daher einen besonderen, weil komplett digitalen Welterbetag. Das Online-Event mit einem live über Youtube gestreamten Programm steht unter dem Motto “Vielfalt Moderne | Moderne Vielfalt”. Es umreisst eine Epoche, in der sich ein radikaler Wandel in Kunst, Architektur und Gesellschaft vollzog. Hiervon zeugen auch die sechs, seit 2008 in die UNESCO- Welterbeliste eingetragenen “Siedlungen der Berliner Moderne”. Sie entstanden vor dem Hintergrund grassierender Wohnungsnot und stellten in den 1920er Jahren neue Weichen im Städtebau, an die man nach dem Zweiten Weltkrieg wieder anknüpfte.

Diesen durch die Zeit des Nationalsozialismus lediglich unterbrochenen Bogen zu erzählen, hat sich die Triennale der Moderne zum Ziel gesetzt. In Berlin finden unter ihrem Dach ehrenamtliche Initiativen und professionelle Akteure zusammen, aus deren Umfeld zwölf Projekte in Form von digitalen Präsentationen gezeigt und als Live-Stream ab 11 Uhr übertragen werden.

Nach Grußworten durch Senator Klaus Lederer und Christine Edmaier, Präsidentin der Architektenkammer Berlin, folgt eine Einführung in das Thema durch den Berliner Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut. Im Anschluss führen die beiden Berliner Kuratoren, Robert K. Huber und Ben Buschfeld durch das abwechslungsreiche Programm mit Beiträgen zu mehr und weniger bekannten Objekten der Architekturmoderne.

Im Anschluss folgen gleich zwei Film-Premieren, die jeweils Einblicke in die sechs, zwischen 1913 und 1934 entstandenen Berliner Welterbe-Siedlungen erlauben. Die im Auftrag des Landesdenkmalamtes von Andrea Schmidt und Claus Boeckh erstellte Dokumentation “Siedlungen der Berliner Moderne. UNESCO Welterbe mit neuer Strahlkraft” zeigt den denkmalpflegerischen Umgang mit der wertvollen Bausubstanz, interviewt Bau- , Garten- und Denkmal-Expert/innen sowie denkmalinteressierte Bewohner/innen. Der von Marian Engel und Thomas M. Krüger im Auftrag der Deutsche Wohnen SE produzierte Film “Ein gebautes Versprechen. Sozialer Wohnungsbau der Berliner Moderne” hingegen legt den Schwerpunkt mehr auf die Bewohnerschaft und beleuchtet aktuelle Tendenzen des Berliner Wohnungsmarktes und bestehender Angebote vor Ort.

Ausgehend von den sechs, in einer neu entwickelten Website sehr detailliert vorgestellten Berliner Welterbe- Siedlungen der Moderne, gibt es eine Vielzahl anderer Perlen der Moderne zu entdecken. Diesen verborgenen Schätzen sind gleich zwei Beiträge gewidmet, bei denen es um zumeist weniger bekannte Wohnanlagen, Villen- und Geschäftsbauten geht, die von den Fotografen Anja Steilmann und Carsten Krohn ins Bild gesetzt wurden. Die meisten der portraitierten Gebäude zählen zum Stil des Neuen Bauens. Nicht wenige der etwas unbekannteren Bauten der Moderne gehen auf Entwürfe von jüdischen Architekten zurück, deren Werk bis heute zum Teil nur unzureichend erforscht ist. Ihnen ist ein Vortrag von Dr. Günter Schlusche gewidmet, der sich auf die Spuren deutschsprachiger jüdischstämmiger Architekten begibt.

Viele andere Schätze der Berliner Baukultur entstanden erst deutlich nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs. Hier ist vor allem der Gegensatz des aufgelockert gebauten West-Berliner Hansaviertels mit der im Duktus der Stalin-Ära angelegten Magistrale der Karl-Marx-Allee zu nennen – zwei fast zeitgleich entstandene Großprojekte, bei denen beide politischen Systeme 1957 in einen direkten städtebaulichen Wettbewerb traten. Ein Dualismus, der so weltweit einmalig ist und unter dem Stichwort “Das doppelte Berlin” als potenzielles nächstes Berliner Welterbe gehandelt wird.

In diesem Spannungsfeld des Städtebaus in Ost und West stehen exemplarisch die Werke der Architekten Richard Paulick und Otto Bartning im Fokus. Den Beitrag über Leben und Werk Richard Paulicks übernimmt der Architekturhistoriker und ehemalige Berliner Kultursenator Dr. Thomas Flierl. In seinem Vortrag zeigt er, wie Paulick vom Bauhaus in Dessau über Shanghai zum Neo-Klassizismus der einstigen Stalinallee und zu den funktionalen DDR-Großbauprojekten in Halle-Neustadt fand. Otto Bartning hingegen ist vor allem als Architekt von Kirchen im Stil der Moderne in Süd- und Westdeutschland bekannt. Dem besonderen Thema der Sakralbauten der Moderne widmet sich ein nach Bartning benannter Arbeitskreis, der demonstriert wie einige von dessen Berliner Kirchen virtuell erfahrbar werden.

Als digitale Sendezentrale während des Streaming-Events dient das BHR OX bauhaus reuse, der gläserne Pavillon auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter Platzes, das sich in kürzester Zeit als neuer Berliner Kultur- und Veranstaltungsort etabliert hat. Der rundum transparente Bau verfügt – wie der Name bereits ahnen lässt – selbst über eine spannende Nutzungsgeschichte, ist er doch aus Fensterelementen des von Walter Gropius entworfenen, berühmten Dessauer Bauhaus-Schulgebäudes konstruiert, die dessen großer Sanierung zum 50. Jubiläum von 1976 entstammen.

Robert K. Huber, einer der Kuratoren der Veranstaltung und mit zukunftsgeraeusche der Betreiber des Pavillons, spricht über die Auseinandersetzung mit dem Funktionalismus in Mitteleuropa im Rahmen von Tagungen und Diskussionen und schildert auch, wie mit mit der Sanierung der Platzmöblierung des Ernst- Reuter-Platzes ein fachpraktisches Bildungsprojekt, in Form einer digitalen Dauerausstellung und anhand von Seminaren mit der TU Berlin und UdK Berlin stattfindet.

Die länderübergreifende Perspektive der Triennale stärkt auch ein Beitrag von Helena Doudová, Kuratorin der Architektursammlung der Nationalgalerie Prag, die einen internationalen Blick auf Berlin und den Brutalismus als Bestandteil der Nachkriegsmoderne wirft. Dessen Bauten stehen oft nicht unter Denkmalschutz und sind vielerorts von Veränderungen, Umbauten und Abriss bedroht. Ein bedeutendes Berliner Beispiel ist die Tschechische Botschaft. Sie wurde von dem tschechischen Architektenpaars Věra und Vladimír Machonin entworfen. Die Originalpläne des Baus gehören zur Sammlung der Nationalgalerie Prag, die derzeit eine Ausstellung über Prager Bauten des Brutalismus zeigt.

Ungewohnte Einblicke gewährt auch ein Beitrag aus den Niederlanden, bei dem Nadia Abdelkaui, Kuratorin des Museums “Het Schip” in Amsterdam einen virtuellen Rundgang durch die Anfang März, kurz vor dem Corona-Shutdown, eröffnete Sonderausstellung anbietet. Sie ist dem hier in Berlin weniger bekannten, expressionistischen und utopischen Frühwerk Bruno Tauts gewidmet und wirft einen Blick auf die Querbezüge seines Schaffens zum Sozialen Wohnungsbau der 1910er und 20er Jahre in den Niederlanden.

Bruno Taut, Architekt von gleich vier der sechs Berliner Welterbesiedlungen, steht auch im Zentrum eines bildreichen Beitrags des zweiten Kurators des Streaming-Events über die besonders denkmalgerechte Restaurierung eines Hauses in der Hufeisensiedlung: Das von Ben Buschfeld und seiner Frau Katrin Lesser auf den Namen Mietbares Museum “Tautes Heim” getaufte Haus ist eine Hommage an Bruno Taut. Es ist komplett im Stil der 1920er Jahre möbliert, hat den Charakter einer Zeitreise und dient seit 2012 Architekturfans aus aller Welt als Übernachtungsmöglichkeit. Mit diesem Angebot bereichert das mit mehreren Denkmalpreisen ausgezeichnete Projekt die Berliner Museumslandschaft und vermittelt auf besondere Weise die Idee des Berliner Welterbes.

Ein weiteres von Buschfeld im Namen des “Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart” verantwortetes Projekt richtet sich speziell an Studierende und Wissbegierige. Es handelt sich um eine gut auf dem Smartphone nutzbare Website, die im Rahmen des Sharing Heritage-Projektes des Europäischen Kulturerbejahrs 2018 entstand und mit Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert wurde. Die mit sechs Rundgängen, vielen Informationen plus einem umfangreichen Glossar, Biografie- und Geschichtsteil aufwartende Website lädt jüngere Zielgruppen ein, die Architektur und Geschichte der Welterbe-Siedlungen aktiv zu erkunden.

Noch jüngere Zielgruppen hatte ein Projekt des Grips Theaters vor Augen, das auf Angebote für Kinder und Jugendliche spezialisiert ist. Hier erarbeitete das Team des direkt am Hansaplatz angesiedelten Theaters einen mit Performance-Elementen angereicherten. durchs Hansaviertel führenden Audiowalk für Schülergruppen. Ein Angebot, dass sich mit der Geschichte des Quartiers beschäftigt und von Hannah Ehlers präsentiert wird.

Neben Bruno Taut und Richard Paulick dürfen auch zwei weitere große Namen der internationalen Architekturmoderne nicht fehlen, nämlich Le Corbusier und der Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Wer sich anhand digitaler Karten selbst auf die Spuren von Walter Gropius begeben will, sollte sich die 2016 vom Landesdenkmalamt Berlin produzierten Smartphone-App “Gropius to go” installieren. Mit ihr wurden erstmals Teile der Datenbank des Landesdenkmalamts für eine mobile Nutzung vor Ort verfügbar gemacht. Berlins neue Welterbe-Referentin Sabine Ambrosius präsentiert, wie sich das zahlreiche Berliner Bauten umfassende Werk mit Hilfe der App auf Spaziergängen erschließen lässt. Innerhalb der Moderne nimmt Gropius eine Sonderstellung ein, da er derjenige Architekt der Moderne ist, dessen Werk am häufigsten auf der UNESCO- Welterbeliste vertreten ist.

Ebenso wie Gropius steht auch Le Corbusier in besonderem Maße für den länderübergreifenden Charakter der Moderne, die sich aus vielen nationalen Avantgarde-Bewegungen speiste, die ab 1932 weltweit unter dem Begriff “International Style” reüssierten und zusammengefasst werden. Diese Vielfalt wird im Rahmen der Triennale der Moderne bewusst thematisiert und eröffnet so auch in Querbezüge in viele potentielle Partnerländer. Davon zeugt auch das Werk Le Corbusiers: Abseits von der ansonsten im Hansaviertel konzentrierten Internationalen Bauausstellung von 1957 entstand unweit des Olympiastadiums ein weiterer imposanter Bauriegel – die “Unité d’habitation”. Der Wohnblock nimmt Bezug zu einem gleichnamigen Schwesternbau in Marseille und verweist so auf das hauptsächlich in Frankreich und der Schweiz verorteten, ebenfalls als UNESCO-Welterbe gellistete Werk des Architekten.

Bemerkenswert an dem von Huber und Buschfeld in enger Kooperation mit dem Berliner Landesdenkmalamt kuratierten Programm ist nicht nur die Bandbreite der vorgestellten Berliner Bauten, Anlagen, Formate und Themen, sondern auch die Vielfalt der oft aus der Zivilgesellschaft stammenden Akteure, die eigene Projekte mit viel Leidenschaft entwickeln, vorstellen und vorantreiben. Dieses Engagement des Berliner Netzwerks sorgt ein lebendiges Programm, bedarf aber – ähnlich wie beim Tag des Offenen Denkmals – der professionellen Koordination, wenn es darum geht, als Gesamt-Event Wirkung zu entfalten. Hier besitzt der Live-Stream den Charakter eines Pilot-Projektes und gibt Einblick in das facettenreiche Erbe einer für Berlin sehr prägenden und charakteristischen Epoche. Ein Erbe, das es auch zu Corona-Zeiten zu entdecken und mit innovativen Formaten – wie diesem digitalen Welterbetag – weiter zu entwickeln gilt.

Live-Stream 7.6. ab 11h: www.youtube.com/watch?v=6L5fgyyVTv4
Weitere Informationen: www.triennale-der-moderne.de

 

Geplantes Programm am 7. Juni 2020
Beginn des Live-Streams: 11 Uhr
Start der Film-Streams: im Anschluss 13.00 Uhr / 14:30 Uhr

Grußworte und Einführung
• 11.00 Uhr: Dr. Klaus Lederer, Regierender Bürgermeister von Berlin und Senator für Kultur und Europa • 11.06 Uhr: Christine Edmaier, Präsidentin der Architektenkammer Berlin
• 11.10 Uhr: Dr. Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamt Berlin

Präsentationen und zeitliche Abfolge *
• 11.20 Uhr: Ben Buschfeld (BFFG e.V.): Neue Website zu den “Siedlungen der Berliner Moderne”
• 11.44 Uhr: Hanna Düspohl (treppe b, Galerie im Corbusierhaus): Die l ́Unité d ́Habitation in Berlin (…)
• 11.56 Uhr: Sabine Ambrosius (Landesdenkmalamt Berlin): Smartphone-App “Gropius to go”
• 12.08 Uhr: Thomas M. Krüger (TICKET B): Versteckte Perlen der Moderne – Bauten der 1920er Jahre
• 12.20 Uhr: Dr. Günter Schlusche: Der Beitrag jüdischer Architekten (…) zur Etablierung der Moderne
• 12.32 Uhr: Helena Doudová (Nationalgalerie Prag): Die Tschechische Botschaft im Stil des Brutalismus
• 12.44 Uhr: Dr. Thomas Flierl (Hermann Henselmann Stift): Lebensweg des Architekten Richard Paulick
• 12.56 Uhr: Immo Wittig (OBAK e.V.): Virtuelle-Kirchen-Raum-Erkundung zu Werken Otto Bartnings
• 13.08 Uhr: Robert K. Huber: Das BHR OX bauhaus reuse auf dem Ernst-Reuter Platz und Projekte vor Ort • 13.20 Uhr: Ben Buschfeld: Recherche und Restaurierung des mietbaren Museums “Tautes Heim”
• 13.32 Uhr: Nadia Abdelkaui (Het Schip Museum, Amsterdam): Rungang zu “Bruno Taut – Beyond Fantasy” • 13.44 Uhr: Klaus Lingenauber (Landesdenkmalamt Berlin): Vorbemerkung zu dem nachfolgenden Film
• 13.50 Uhr: Schlusswort des Präsentationsteils
* Hinweis: Es handelt sich um eine Live-Veranstaltung. Einzelne Zeiten können daher abweichen.

Moderation
Durch die Veranstaltung führt das Berliner Kuratoren-Team, bestehend aus
• Robert K. Huber (zukunftsgeraeusche GbR + BHR OX bauhaus reuse) und
• Ben Buschfeld (buschfeld.com + Tautes Heim + Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e.V.)

Film-Premieren
• 13.00 Uhr: Siedlungen der Berliner Moderne. UNESCO Welterbe mit neuer Strahlkraft
Der vom Landesdenkmalamt Berlin beauftragte Film dokumentiert den denkmalpflegerischen Umgang mit der historischen Bausubstanz und interviewt Vertreter*innen aus der Bewohnerschaft sowie Experten*innen aus der Denkmalpflege sowie der Bau- und Gartengeschichte.

• 13:45 Uhr: Ein gebautes Versprechen. Sozialer Wohnungsbau der Berliner Moderne
Der von Marian Engel und Thomas Krüger im Auftrag der Deutschen Wohnen SE produzierte Film erläutert die städtebaulichen und sozialen Konzepte sowie architektonischen Besonderheiten der sechs Siedlungen und stellt die Perspektive verschiedener Bewohner*innen vor.

Weitere Informationen
www.triennale-der-moderne.de

Weitere Angebote zum UNESCO-Welterbetag 2020
Neben Berlin halten weitere der insgesamt 46 deutschen Welterbesetätten digitale Angebote bereit. Entsprechende Links finden Sie unter www.unesco-welterbetag.de