Ernst-Reuter-Platz

BHR OX bauhaus reuse at Ernst Reuter Platz, Berlin, 2019, © zukunftsgeraeusche/jad

Konglomerat der Moderne

Der Ernst-Reuter-Platz ist ein besonderer Ort der Nachkriegsmoderne und Stadtentwicklung. Als Vorzeigeprojekt im Nachkriegs-Berlin, in Abgrenzung zur NS-Vergangenheit und Ost-West-Achsenplanung einerseits und besonders in Relation zum Wiederaufbau in Ost-Berlin andererseits, entstand der Platz nach einer städtebaulichen Konzeption von Bernhard Hermkes aus dem Jahr 1955. Mit einer Freiraum- und Platzgestaltung von Werner Düttmann, die das heutige Gartendenkmal ausmacht, wurde dieser zwischen 1959 und 1960 fertiggestellt.
Der Ernst-Reuter-Platz liegt im Zentrum eines hoch frequentierten Bildungs- und Wissenschaftsstandortes, wobei der Platz und dessen Zentrum – die Mittelinsel – selbst wenig im Mittelpunkt des Standortes stehen. Dieses Indifferente in seinem gegenwärtigen Charakter macht gleichzeitig seinen räumlichen und atmosphärischen Reiz aus – wie dies auch zu seiner negativen Konnotation und damit Gefährdung beiträgt.

Heute ist der Platz ein signifikantes Konglomerat aus dem Erbe der Nachkriegsmoderne, der in sich unterschiedliche Narrative in der Entstehung, bisherigen Entwicklung, in der aktuellen Rezeption und im politischen, städtebaulichen und denkmalpflegerischen Diskurs verkörpert.

Die Platzgestaltung entstand im Leitbild der Moderne, bewusst im Geist von Demokratie und Fortschritt nach dem Krieg und gleichsam aus dem System-Vergleich zu Ost-Berlin in den Wiederaufbaujahren, gegenüber dem repräsentativen Städtebau der Karl-Marx-Allee mit dem Straußberger Platz. Unter dem Stichwort „doppeltes Berlin“ ist dieser Aspekt im heutigen Diskurs nicht nur in der Debatte über die Denkmalpflege der Nachkriegsmoderne relevant, sondern gibt auch einen wesentlichen Einblick in die Entwicklung der stadt-politischen Planungskultur in West und Ost.

Wobei es interessant ist, den Platz in der planerischen Umsetzung, Anlage und räumlichen Struktur gegenüber den modernen Leitbildern und dem Prädikat einer demokratischen Platzgestaltung – oder Stadtgestaltung prinzipiell – zu betrachten. Die räumliche Struktur des Platzes verkörpert den offenen, durchlässigen Charakter der Stadtplanung der Nachkriegsmoderne. Die Gliederung der Mittelinsel wirkt ungerichtet und frei, mit der Verteilung der Wasserbecken, Pflanzbete und Pflasterflächen, im Kontrast zu einer zentriert symmetrischen, auf ein zentrales Objekt hin ausgerichteten Hierarchie – wie dies beispielsweise der große Stern verkörpert. Damit entsteht eine pluralistische Raumausrichtung, wenig hierarchisch, womit die Gestalt-Qualität mit der freien Begehung und dem Aufenthalt durch den Menschen verbunden ist, einerseits. Andererseits wäre die Großform des Platzes, deren Anlage, die Monumentalität mit der umstehenden Bebauung und vor allem die einheitliche und zentralistische Umsetzung des Platzes als Repräsentationsprojekt in der damaligen Ost-West-Relation aus dem heutigen Blickwinkel, nicht zuletzt bezüglich einer demokratischen bzw. beteiligungsoffenen Stadtplanungskultur, zu hinterfragen.

Der Platz entspricht einer autogerechten Verkehrsplanung, wobei die Anlage und die Großform des Platzes als Kreisverkehr weniger in der verkehrlichen Begründung zu beantworten sind, als in der politisch-gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Repräsentation des damaligen West-Berlins. Das heute negative Prädikat der „autogerechten Stadt“ führt somit zu einem Missverständnis in der Bewertung der Entstehung und Gestalt des Platzes, das jedoch Verwendung findet vor allem bei seinen Kritikern – und den Kritikern der Nachkriegsmoderne allgemein.

Der Ernst-Reuter-Platz stellt einen umfangreichen öffentlichem Raum dar, der durch seine Zonierung mit Barrieren zu kämpfen hat. Die Mittelinsel ist eine tatsächliche Insel, deren offizieller Zugang nur durch einen einzigen Treppen-Aufgang des gleichnamigen U-Bahnhofs möglich ist. Damit kommen den Randbereichen des Platzes die größere Bedeutung und Frequenz in der alltäglichen Nutzung zu, während der große Freiraum im Zentrum wie eine Exklave wirkt. Dieser teils isolierte Status besitzt allerdings seinen Reiz als eine Art Oase – fast der Ruhe – abgesehen von den Geräuschen und Emissionen des heute noch mehr dominierenden Automobilverkehrs. Wobei der Lärmpegel durch die offene Anlage des gesamten Platzes auf der Mittelinsel selbst erstaunlich gering ist – und von den Brunnen-Fontänen im Übrigen weitgehend übertönt wird. Dennoch stellt der Autoverkehr, wie an die Stadt insgesamt, eine große Herausforderung an den Platz dar – ein Zukunftsthema sicherlich.

In der geordneten Geometrie des Platzes ist Natur, sind Garten- und Landschaftsgestaltung, klar ein einschließliches Element des Städtebaus. Die Anlage der Pflanzbeete, selektiv in Feldern des Rasters der befestigten Fläche, steht gegenüber einer reinen Rasenfläche, die den Abstand der aus Rechtecken, hauptsächlich Quadraten, addierten Innenform zur runden Begrenzung der Mittelinsel ausfüllt.
Die Pflanzung der Bäume ist größtenteils in die gepflasterten Rasterquadrate integriert. Wobei die Bäume, die sich in der Planung – und in den Anfangsjahren noch nicht ausgewachsen – diszipliniert in die Gestaltung eingefügt haben, indem sie über den ihnen zugedachten Quadraten einst ein lichtes punktuelles Dach bildeten, mit der Zeit zur eigenen Form verwachsen sind.

Die Pflasterflächen, Wasserbecken und Stadtmöblierungen sind in einen sanierungsbedürftigen Zustand und müssen dringend in Stand gesetzt werden – siehe unten im Text. Die Pflanzbeete werden saisonal gepflegt. Die Rasenfläche ist wieder in gutem Zustand – nach einer jahrelangen Baustelle der BVG, in deren Rahmen tatsächlich der Abraum auf dem Platz gelagert wurde.

Da der Platz offiziell nur einen Zugang besitzt, haben die Passant*innen ihre eigenen Wege über den Platz geschaffen und somit längst mit den Füßen abgestimmt, dass und wie sie den Platz oberirdisch betreten und überqueren. Dies lässt sich am täglichen Strom deutlich ablesen: vom U-Bahn-Aufgang über den Platz, über ausgetretene Pfade über die Rasenfläche und, trotz fehlendem offiziellen Übergang, die Ampel zur Marchstraße.
Bei schönem Wetter ist eine tägliche Präsenz von meist jungen Besucher*innen zu beobachten, die für mehrere Stunden auf dem Platz verweilen, jedoch meist auf den Rasenflächen außerhalb der Innenform. Aufgrund der derzeit nicht mehr intakten Platzmöblierung, wird die Kernanlage, außer der erhöhte Rand eines der Brunnenbecken, bisweilen selten zum Verweilen genutzt.

Der Wert des Konglomerats

Die Bauten der 50‘, 60‘ und 70‘ Jahre, die den Platz umgeben, und die historischen Bauten und Gebäude-Teile sowie neueren baulichen Ergänzungen in der zweiten Reihe, bilden ein Konstellation, die den konglomeraten Charakter wesentlich bereichert.
Seitens der Denkmalpflege sind sowohl die Bauten als auch die Platzgestaltung und die Mittelinsel als Gartendenkmal sowie das gesamte Ensemble unter Schutz gestellt; einschließlich des Untergrunds in Form des U-Bahnhofs. Dieser starke Denkmalschutz ist zum einen Garant für den Erhalt, steht aber den Apologet*innen einer mehr oder minder weitreichenden Umgestaltung alleinig gegenüber, wenn der Platz keine weitere Befürwortung anhand seiner Qualitäten erfährt. Letzteres ist stark davon abhängig den Platz nicht nur in seiner denkmalgeschützten Form zu erhalten, sondern gleichzeitig so zu pflegen und weiterzuentwickeln, dass die Wertschätzung erhalten bleibt und erneuert wird. Wobei diese auch davon abgehängt, dass ein breiter Bevölkerungsquerschnitt den Platz innerhalb seiner zu erhaltenden Gestalt aktiv nutzen kann und möchte.

Die Moderne forderte einst konsequente, teilweise radikale Struktur- und Gestaltkonzepte. Im Bereich des heutigen Ernst-Reuter-Platzes beispielsweise waren nach dem zweiten Weltkrieg weit umfassender andere Stadtstrukturen und Verkehrsführungen sowie zum Teil die vollkommen neue Bebauung für die gesamte stadträumliche Umgebung erdacht worden.
Heute ist die Moderne allerdings mehr im Konglomerat mit dem vorherigen und auch später addierten Bestand wahrnehmbar. Da die Entwürfe der Moderne meist nicht so radikal und einseitig umgesetzt wurden.

Der Ernst-Reuter-Platz erzählt hiervon in seiner Entwicklung. Die Gegner solch moderner Konglomerate, die das heutige Stadtbild so wesentlich vielseitig aussehen lassen, haben nicht selten den Anspruch diese Orte auf einen vermeintlichen historistischen, früheren Zustand zurückformen – so ist auch der Ernst-Reuter-Platz immer wieder von dieser Rückwärtsbezogenheit gefährdet.

Der Ernst-Reuter-Platz ist somit ein gewordener Ort der Moderne, so gesehen ein „Zeitreisender“ durch die Geschichte der modernen Stadt und Stadtgesellschaft der Nachkriegszeit, mit einer genauso diversen Vergangenheit wie heutigen Wahrnehmung im Stadtbild und durch die Stadtbevölkerung.

Beschäftigung mit dem gewordenen Ort

Für eine zukunftsweisende Beschäftigung mit dem Ernst-Reuter-Platz bieten sich drei operative, räumliche und zeitliche Maßstäbe an, die wesentlich sind, um die Wahrnehmung des Platzes anhand der Weiterentwicklung seiner Qualitäten zu unterstützen.

Die Vergegenwärtigung und Entwicklung aus dem Bestand und dem gewordenen Ort heraus ist nichts weniger als die Frage nach dem eigentlichen und zukünftigen Narrativ des Platzes. In Abgrenzung zum Begriff der Vision, der meist mindestens eine Dekade zwischen das Jetzt und die projizierte Zukunft einschiebt, ist der Begriff des Narrativs beides: unmittelbar und zukunftsweisend.
Während die Vision eine zeitliche Lücke schlägt, befreit sie sich zwar von der Mühsal und den Unwägbarkeiten des Heutigen, verliert damit aber an konkreter Relevanz und schöpft nicht aus dem Reichtum des Unmittelbaren und des Ortes. Der Narrativ setzt im Gegenwärtigen an, wird konkret, wenn dies den großen wie den kleinen Maßstab umfasst. Wobei es wesentlich ist im zeitlichen Horizont zu differenzieren, welche Maßnahme auf welche Fristigkeit hin abzielt und vor allem wie diese zueinander in lückenloser Folge oder Relation stehen. Die unterschiedlichen Maßstabsebenen befassen sich dabei nur vordergründig selektiv mit unterschiedlichen Aspekten der Entwicklung oder nur insoweit zu, dass diese sich wiederum gegenseitig bedingen.

Zunächst beginnt die umfassende Frage nach dem Narrativ beim großen Maßstab des Ensembles, des gesamten Platzes, seiner umgebenden Bebauung, seiner übergeordneten und lokalen Bedeutung. Dies schließt ein sein Einzugsgebiet in Verbindung mit den anliegenden Funktionen und Nutzungen, die Einbindung in die Infrastruktur und öffentliche Versorgung. Jedoch von besonderer Relevanz ist für die Ebene der Bedeutung die Kenntnis und transparente Vermittlung über die Hintergründe der Entstehung, das Verständnis für die Leitbilder der Moderne und die Entwicklung der Nachkriegsmoderne, über den Diskurs und die politischen und baukulturellen Hintergründe der verschiedenen Positionen und deren Zusammenhänge. Neben der Erhaltung der umgebenden Bebauung und der Platzanlage ist es hierbei essenziell das Konglomerate daran positiv zu betonen, sprich den Gehalt und die Vielfalt der Geschichte, die von der gebauten Umwelt des Ortes repräsentiert wird.

Der zweite Maßstab ist von der räumlichen Ausprägung und Nutzung des Platzes, der Frage nach dem Verkehr und der Erschließung des Platzes, im Besonderen der Mittelinsel, geprägt. Dies berührt ebenso die anliegenden Nutzungen und die infrastrukturelle Einbindung, betrifft konkret das automobile Verkehrsaufkommen und nicht zuletzt die Zugänglichkeit, auch unter dem Stichwort Barrierefreiheit. Der Platz ist zwar auch ein Beispiel der autogerechten Stadt, allerdings wäre eine Verkehrs- oder vielmehr Emissionsreduzierung weder dem Denkmal noch dem Wert des Platzes abträglich, ganz im Gegenteil – ohne dass seine Mitte den signifikanten Inselcharakter einbüßen soll, der dabei gewinnen kann. Wie sich dies perspektivisch gegenüber dem stadtweiten Automobilverkehr mit Verbrennungsmotoren verhält, kann kurzfristig wenig, muss aber sicherlich mittelfristig und langfristig thematisiert werden.

Der dritte Maßstab der Auseinandersetzung ist das Zentrum des Platzes, die Mittelinsel, mit den umgebenden Teil-Räumen, die den öffentlichen Aufenthaltsraum und den Kern des Narrativs ausmachen. Die Erhaltung und Herausarbeitung der Qualitäten des Platzes liegt zum einen in der guten Instandhaltung im Rahmen des Denkmalschutzes, kann aber zum anderen nicht ohne eine verantwortliche Entwicklung von Maßnahmen einhergehen, um dessen Qualitäten zu unterstützen, indem dafür auch Defizite und Anforderungen an den Aufenthaltsraum vorausschauend angegangen werden. Dieser sehr konkrete Handlungsrahmen erfordert einen Dialog mit dem Denkmalschutz und gleichzeitig eine behutsame und innovative Bearbeitung, bei einem klaren Bekenntnis zur Erhaltung und zum Ort.

Auseinandersetzung und Projekte im Rahmen von BHR OX bauhaus reuse

Daraus lassen sich unterschiedliche Fragestellung ableiten, die das BHR OX bauhaus reuse in der Auseinandersetzung mit dem Ort und der Zukunft des Platzes in verschiedenen Projekten mit verschiedenen Kooperationspartner*innen angeht. Dies folgt einem Ansatz, bei dem die Denkmalpflege – oder allgemeiner, das bestandsgerechte Umgehen mit dem Vorhandenen – auf zwei Säulen basiert: der tatsächlichen Pflege und Erhaltung inklusive einer sorgfältigen Entwicklung sowie einem Bildungsangebot und der nachhaltigen Vermittlung der vorhandenen Wertigkeit.

Das BHR OX bauhaus reuse befindet sich in einer der Konstellation am Ort, die von einer temporären Paarung des Düttmann‘schen Platzkonzepts, des Gartendenkmals, mit dem Gebäude bauhaus reuse ausgeht. In dieser Konstellation ist der kontroverse Charakter des modernen Konglomerats genauso enthalten, wie der des Dialogs oder gar der Symbiose. Die in den Mittelpunkt rückt, um während der Standzeit an der Erhaltung und für die Wertschätzung des Platzes beizutragen.

Die Entstehung und Entwicklung des Platzes sowie den baukulturellen und stadtpolitischen Diskurs verständlich und vor Ort zugänglich zu machen, war und ist Gegenstand der Studie und des Ausstellungprojekts „Konglomerat der Moderne – Ernst-Reuter-Platz“, das im Rahmen der Triennale der Moderne 2019 in Berlin entstanden ist. Aus dem Projekt soll unter anderem eine digitale Dauerausstellung als Info-Ort im BHR OX bauhaus reuse hervorgehen.

Eine performative Auseinandersetzung mit dem Platz findet anhand von künstlerischen Positionen und Veranstaltungen statt, die über das Programm vor Ort in verschiedenen Formaten entwickelt werden.

In transdisziplinäre Bildungsformaten werden die akademische, fachpraktische und öffentliche Ebene miteinander in den Dialog gesetzt und in gemeinsamen Projekten verbunden.
In Form von studentischen Seminaren in Kooperation mit den Projektpartnerinnen TU Berlin und UdK Berlin werden städtebauliche, freiraumarchitektonische, (garten)denkmalpflegerische, landschaftsgestalterische, stadtpolitische und gesellschaftliche Belange untersucht und Strategien entworfen.
Dies schließt praktische Bildungsangebote, wie die denkmalgerechten Sanierung der Platzmöblierung in Form von Workshops und einer Lehrbaustelle ein, vorab dem “Düttmann-Jahr” 2021.
Bei diesen Formaten werden, insofern möglich, das tatsächliche modellhafte Zusammenarbeiten zwischen der akademischen und fachpraktischen Ebene sowie auch die öffentliche Partizipation angestrebt werden.