Film-Tipps & Reviews
Das BHR OX bauhaus reuse erstellt unter dem derzeitigen Arbeitsthema “modernpunk” ein Archiv zum Themenfeld Stadt, Architektur, Moderne, Science-Fiction und Punk. Jede Woche werden Film-Tipps online vorgestellt und, wenn verfügbar, die Streaming-Links dazu.
Wir rufen Sie auf an der Sammlung teilzunehmen und nehmen gerne Ihre Vorschläge an – die wir zusammen mit einer kurzen Review veröffentlichen.


#4 Filmtipp von Isabelle Kaiser (zukunftsgerauesche)

24 Hour Party People

Großbritannien 2002, Regie: Michael Winterbottom, 112 Minuten

© TMDB

Post-Punk erlebt im Moment eine Art Revival und Bands wie Joy Division oder Gang of Four sind nach wie vor Vorbilder für heutige junge Bands. Einer der Post-Punk-Heiligen, Ian Curtis, Frontsänger von Joy Division starb vor 40 Jahren, am 18. Mai 1980. Er und seine Band verdanken ihre Bekanntheit vor allem einem kleinen Label aus Manchester: Factory Records, das nicht nur Platten veröffentlichte, sondern auch legendäre Clubabende und Konzerte präsentierte. Hauptprotagonist dabei war Lokalreporter Tony Wilson, dessen Musikleidenschaft Bands wie Joy Division, New Order oder den Happy Mondays den Weg ebnete. Er steht im Mittelpunkt von Michael Winterbottoms Film, der sich der Legende im Stile einer Mockumentary nähert. Das ist sicher nicht immer faktentreu aber höchst unterhaltsam und emotional. Nebenbei erzählt Winterbottom auch die Geschichte einer Stadt, die durch die Musik in den 80ern einen kulturellen Aufschwung nahm.


#3 Filmtipp von Peter Winter (zukunftsgerauesche)

Koyaanisqatsi
USA 1982, Regie: Godfrey Reggio, 86 Minuten

© IRE Productions

Mit seinem präzisen Blick auf ein „Leben im Ungleichgewicht“, schaffte Godfrey Reggio mit diesem Werk eine Ikone der Dokumentar- und Filmgeschichte, welche auch heute noch immer fasziniert.
Erzählt in imposanten, sich immer mehr beschleunigenden Bildern, wird in Koyaanisqatsi ein Blick auf die rasante Entwicklung unserer Kultur geworfen, welcher in der Moderne der frühen 80er Jahre Endet. Würde man diese Erzählung bis heute weiterführen, so würde man keine erhoffte Entschleunigung wahrnehmen können, umso mehr ist der Blick zurück auf diese Sozial-Dokumentation aus dem Jahr 1982 interessant, als dass sie für das Publikum nicht wertet und allein durch ihren audiovisuellen Narrativ lebt. Man verliert sich zunächst in den beeindruckenden, ruhigen Kamerafahrten durch die naturbelassenen Landschaften Nordamerikas und bemerkt kaum, wie die Geschwindigkeit graduell gesteigert wird, man durch die schnellen Zeitrafferaufnahmen die geschäftig Rush-Hour in Manhattan selbst zu durchleben scheint, um final bei dem menschengemachten Unglück eines missglückten Raketenstarts wieder abrupt ausgebremst zu werden.
Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem den fantastischen Aufnahmen der Sprengung des städtischen Wohnungsbauprojekts Puitt-Igoe in St.-Louis, Missouri .Charles Jencks bezeichnete diesen Punkt in der Geschichte als jenen Tag, an dem die Nachkriegs-Moderne ein Ende nahm. Die choreographierten Bilder in Verbindung mit der sich verlierenden Komposition von Philipp Glass ergeben hier ein schaurig schönes Schauspiel.
Koyaanisqatsis Darstellung dieser unmerklichen Beschleunigung spiegelt auf faszinierende Weise den kulturellen Aufstieg des modernen Menschen dar, ein Ende war hier in 1982 noch nicht in Sicht – und ist es auch heute noch nicht.


#2 Filmtipp von Luisa Rath (Leitung der Programmarbeit Region Mittelosteuropa Goethe Institut)

Der lange Sommer der Theorie
Deutschland 2017, Regie: Irene Alberti, 82 Minuten

© Grandfilm

Drei junge Frauen in einer Künstlerinnen-WG am Rande der Europacity, dem Quartier Heidestraße, kurz vor der Räumung. Eine von ihnen hat KOMA in riesigen roten Buchstaben an die Wand gesprüht. Ein Poster mit der jungen Angela Davis ist zu sehen.

Katja ist Schauspielerin und hadert mit ihren Rollen, nebenbei vermietet sie Wohnungen an Touristen. Martina ist Fotografin, die keine Lust auf die Schmeicheleien eines Kurators hat und sich lieber mit ihrer Band auf der Bühne die Seele aus dem Leib schreit. Nola macht einen Film, sie trägt einen bedruckten Hosenanzug, auf dem „Generation Berlin“ und „Zukunft“ steht, sie interviewt SoziologInnen, HistorikerInnen, Kulturschaffende TheoretikerInnen.

Wir begleiten Nola zu den GesprächspartnerInnen ihres Films, vorbei an den letzten Baustellen Berlins, durch eine Stadt, die schon verkauft scheint. Es geht um Feminismus, den öffentlichen Raum, Gentrifizierung, Theorie und Praxis.

Der Film kann bei GOETHE ON DEMAND kostenfrei ausgeliehen und angeschaut werden.


#1 Filmtipp von Isabelle Kaiser

Permanent Vacation
USA 1980, Regie: Jim Jarmusch (1980), 75 Minuten

© Cinesthesia Inc.

Das Spielfilmdebüt von Jim Jarmusch folgt dem 16-jährigen Allie durch die Straßen von New York. Er ist allein – seine Mutter sitzt in einer Nervenheilanstalt – und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sein Stil erinnert an James Dean aber auch an frühe britische Punks. Ist er zu lange an einem Ort, fordert ihn eine innere Stimme auf, weiterzuziehen. Auf seinem Weg begegnet er skurrilen und zerstörten Menschen, die sich in ihre eigene Welt zurückgezogen haben.
Die Lower East Side erscheint hier als ein heruntergekommener Ort lange vor der Gentrifizierung, als Stadt vor der Stadt, fast wie eine Nachkriegslandschaft. Die Straßen sind leer, die Häuser unbewohnt, die Tonspur quält uns mit Bombergeräuschen. So hat das Zentrum einer westlichen Großstadt wohl lange nicht mehr zu sehen bekommen.

Film tips & reviews
Under the current working theme entitled “modern punk”, the BHR OX bauhaus reuse now shares film tips on the following topics: city, architecture, modernity, science fiction or punk. Every week, a new film tip will be presented on our website and, if available, the streaming links to access it. We invite you to participate in the collection and will gladly accept your suggestions – which we will publish together with a short review.

 


#2 Film tip, by Luisa Rath (Head of the cultural programme for Central  and Eastern Europe, Goethe Institute)

Der lange Sommer der Theorie (The Long Summer of Theory)
Germany 2017,  Direction: Irene Alberti, 1h 22m

© Grandfilm

Three young women live in a flatshare of artists in Berlin on the edge of Europacity, the “Heidestrasse” district, shortly before eviction. One of them sprayed “KOMA” (COMA) in huge red letters on the wall. A poster with the young Angela Davis can be seen.

Katja is an actress and struggles with her roles, aside from renting flats to tourists. Martina is a photographer who is not interested in the flattery of a curator and prefers to scream her heart out with her band on stage. Nola makes a film; she wears a printed pant suit with “Generation Berlin” and “Future” written on it and interviews sociologists, historians along with cultural theorists.

We accompany Nola to the interlocutors of her film, past the last construction sites of Berlin, through a city that seems to be sold. It is about feminism, public space, gentrification, theory and practice.

The movie can be borrowed and seen at GOETHE ON DEMAND for free.


#1 Film tip, by Isabelle Kaiser


Permanent Vacation
USA 1980, Direction: Jim Jarmusch, 75 Minutes

© Cinesthesia Inc.

The feature film debut of Jim Jarmusch follows 16-year-old Allie through the streets of New York. As his mother is in a mental hospital, he lives alone and searches for the meaning of life on his own. His style is reminiscent of James Dean but also of early British punks. If he is in one place for too long, an inner voice asks him to move on. On his way, he encounters bizarre and destroyed people who have retreated into their own world.
The Lower East Side appears here as a run-down place long before gentrification, as a city before the city, almost like a post-war landscape. The streets are empty, the houses unoccupied, the soundtrack tortures us with bomber sounds. The centre of a large western city has probably not been seen that way for a long time.