Probeaufbau: Architektur als Experiment. Ludwig Leos Umlauftank.

 

© David von Becker

© David von Becker

Die Corona-Krise sorgt nicht nur für die Absage und Verschiebung von Veranstaltungen, sie zwingt auch zu manch überraschender Zwischenlösung: Seit heute bauen die Kuratoren ihre Ausstellung Architektur als Experiment. Ludwig Leos Umlauftank für einige Tage im BHR OX bauhaus reuse auf dem Ernst-Reuter-Platz auf, um die fotografische Dokumentation für eine Publikation zu ermöglichen.

Ein guter Anlass für einen virtuellen Rundgang – bevor die Ausstellung am 24. September hoffentlich eröffnet werden kann.

 Der spektakulär aufragende Umlauftank 2 in Blau und Rosa an der Straße des 17. Juni in Berlin ist eine Ikone des experimentellen Entwerfens der internationalen Spätmoderne. Die Anlage für schiffstechnische Modellversuche funktioniert ähnlich wie ein Windkanal – aber mit Wasser. Sie wurde Mitte der 1960er-Jahre von dem jungen Ingenieur Christian Boës konzipiert, durch den Architekten Ludwig Leo im Rahmen einer künstlerischen Oberleitung gestaltet und 1974 offiziell eröffnet. Von Anfang an war der Umlauftank 2 (kurz: UT 2) nicht nur eine faszinierende Maschine. Leos Entwurf war immer auch Projektionsfläche und Versprechen – eine assoziationsreiche und komplexe Architektur, die irritierende ästhetische Erfahrungen und unendlich viele Bedeutungen zu provozieren vermag.

Die Ausstellung „Architektur als Experiment“ zeigt anhand weitgehend unbekannter, historischer Fotos und Pläne
sowie drei neu produzierter Filme den technikgeschichtlichen Kontext, den architektonischen Entwurfsprozess
und die denkmalgerechte Instandsetzung des Umlauftanks 2. Sie geht von der Hypothese aus, dass er nur im
West-Berlin des Kalten Krieges so gebaut werden konnte, wie er gebaut wurde. Denn in der insularen Frontstadt
gab es den politischen Behauptungswillen, die nötigen Subventionen und den Mut zu einer radikalen Architektur,
die es ermöglichten, dass inmitten des Zentrums die bis heute weltweit größte Anlage für schiffstechnische
Modellversuche ihrer Art gebaut wurde.

Im Herbst 2017 schloss die Wüstenrot Stiftung die denkmalgerechte Instandsetzung des Gebäudes ab, die von
den Büros HG Merz und adb Ewerien und Obermann durchgeführt wurde. Seitdem sind der Umlauftank 2 und
sein historischer Entstehungskontext wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt – und damit auch die Frage
nach dem gesellschaftlichen Wert experimentellen Denkens. Denn der Umlauftank 2 erzählt von einem Berlin,
das erstaunlich weit zurückliegt und heute – vor dem Hintergrund des neuerlichen Konservatismus in der Berliner
Architektur seit 1989 – zunehmend als Sehnsuchtsort einer experimentellen Spätmoderne begriffen wird, die aus
dem Lokalen heraus wirkte und dabei internationale Maßstäbe zu setzen vermochte.
Teil der Ausstellung ist der 45-minütige Animationsfilm „Ludwig Leo Werkfilm“, der sieben Projekte Leos aus den
Jahren 1956–73 anhand montierten und digital in Bewegung gebrachten Archivmaterials aus dem Baukunstarchiv
der Akademie der Künste in Berlin zeigt. Im Zentrum stehen Leos vielschichtige Zeichnungen aus den 1960er-
Jahren.

Eine Ausstellung der Wüstenrot Stiftung zum Abschluss der denkmalgerechten Instandsetzung des
Umlauftanks, kuratiert von BARarchitekten (Antje Buchholz, Jack Burnett-Stuart, Michael von Matuschka,
Jürgen Patzak-Poor) und Gregor Harbusch, in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ARCH+.

Kooperationspartner: BHR OX bauhaus reuse, zukunftsgeraeusche GbR und Techne Sphere, Halle 9.
Parallel zur Ausstellung erscheint bei Spector Books die zweisprachige (deut./engl.) Publikation „Ludwig Leo.
Umlauftank 2“ der Wüstenrot Stiftung. Sie ist dem Prozess der Instandsetzung gewidmet und beleuchtet die Rolle
des Denkmalschutzes für junge Bauwerke.

Pilot installation: Architecture as an experiment. Ludwig Leo’s “Umlauftank”.

© David von Becker

© David von Becker

The corona crisis not only leads to the cancellation and postponement of events, but it also requires surprising interim solutions: starting today, the curators are building their exhibition “Architecture as an Experiment. Ludwig Leo’s Umlauftank” in the BHR OX bauhaus reuse on Ernst-Reuter-Platz for a few days to enable photographic documentation for a publication.

The exhibition represents a good occasion for a virtual tour – before the exhibition can hopefully be opened on September 24. The spectacularly blue and pink towering Umlauftank 2 – a circulation tank – on the Straße des 17. Juni in Berlin is an icon of experimental design in international late modernism. The facility for naval pilot projects functions similar to a wind tunnel – yet with water. Conceived in the mid-1960s by the young engineer Christian Boës and designed by the architect Ludwig Leo as part of an artistic direction, it officially opened in 1974. From the very beginning, the Umlauftank 2 (UT2 ) was not just a fascinating machine. Leo’s design was always also a projection surface and a pledge – an architecture rich in associations and complex, capable of provoking irritating aesthetic experiences and infinite meanings.

“Architecture as an experiment” uses largely unknown historical photos and plans as well as three newly produced films to portray the technical and historical context, the architectural design process and the restoration of UT2 as a listed building. The exhibition is based on the hypothesis that UT2 could only be built in West Berlin of the Cold War the way it was. Because of the political revendication of the insular frontline city along with the necessary subsidies, and the courage for a radical architecture, it was made possible to build, in the middle of the city centre, the world’s largest facility of its kind for ship technology pilot tests to date.

In autumn 2017, the Wüstenrot Foundation completed the restoration of the building in accordance with the preservation regulations, which was carried out by the offices of HG Merz and adb Ewerien und Obermann. Since then, public attention has again been focused on the UT2 and its historical context of origin – and thus also on the social value of experimental thinking. Indeed, the Umlauftank 2 tells of a Berlin that is astonishingly far in the past and which today – given the new conservatism in Berlin architecture since 1989 – is increasingly understood as a place of longing for an experimental late modernism that emerged locally and was able to set international standards. Part of the exhibition is the 45-minute animated film Ludwig Leo Werkfilm, which shows seven of Leo’s projects from 1956 to 1973 using assembled and digitally animated archive material from the Baukunstarchiv of the Akademie der Künste in Berlin. The focus is on Leo’s complex drawings from the 1960s.

Exhibition by the Wüstenrot Foundation to mark the completion of the restoration of the UT2, curated by BARarchitekten (Antje Buchholz, Jack Burnett-Stuart, Michael von Matuschka, Jürgen Patzak-Poor) and Gregor Harbusch, in cooperation with the magazine ARCH+.

Parallel to the exhibition, Spector Books is issuing the bilingual (German/English) publication “Ludwig Leo. Umlauftank 2” by the Wüstenrot Foundation. It is dedicated to the process of restoration and sheds light on the role of monument conservation for modern buildings.

Cooperation partners: BHR OX bauhaus reuse, zukunftsgeraeusche GbR and Techne Sphere, Hall 9.