Gesellschaft / Gesellschaften – Differenzierung und Inklusion, ein integrativer Prozess?

DQDS at bauhaus reuse, Berlin, 2017, © zukunftsgeraeusche

Prof. Dr. Annette Spellerberg 

Ohne Zweifel leben wir in einer komplexen, ausdifferenzierten Gesellschaft, die vor allem durch die Internationalisierung und Digitalisierung verändert und sehr dynamisch mit anderen Gesellschaften verwoben wird, so dass von einer Zäsur und nicht nur von sozialem Wandel gesprochen wird. Dies äußert sich in aktuellen Zeitdiagnosen und theoretischen Ansätzen: So hat Niklas Luhmann hat 1997 einen großen Entwurf der „Gesellschaft der Gesellschaft“ vorgelegt, Zygmunt Bauman (2000) hat den Term „Liquid Modernity“ geprägt, Manuel Castells (2001) hat drei Bände zur „Netzwerkgesellschaft“ verfasst und Stefan Lessenich hat auf die internationale Arbeitsteilung und Ungerechtigkeiten in der „Externalisierungsgesellschaft“ aufmerksam gemacht (2016). Globalisierung, Mobilität und Digitalisierung wirken in allen Lebensbereichen, von der Makro- bis zur Mikroebene zwischenmenschlicher Beziehungen und psychologischer Prozesse. Das mobile Internet auf dem Smartphone hat beispielsweise unsere Art, sozialen Kontakt zu pflegen, mit Whats App und Instagram maßgeblich verändert.

Ausgehend von den großen gesellschaftlichen Trends stellt sich die Frage nach neuen und alten Grenzziehungen, Exklusionen, sozialen Zugehörigkeiten und Identifikationen. Wir werden die Menschen in die Gesellschaft inkludiert – sofern überhaupt von „der Gesellschaft“ gesprochen werden kann, die zudem an der Grenze des Nationalstaates nicht aufhört? Die Differenzierung sozialer Lagen und die Integration bzw. Inklusion der Vielfalt in gesellschaftliche (Sub-)Systeme wird intensiv in der Fachöffentlichkeit diskutiert.

Insbesondere städtisches Leben bedeutet die Integration von Fremden, die Ausbildung von (Sub-)Kulturen und das Vorantreiben sozialer, kultureller und technischer Innovationen. Die Zuwanderung von Geflüchteten aus Krisen- und Kriegsgebieten in den Jahren 2014/15 hat das Thema Integration bzw. Inklusion neu belebt. In Deutschland haben 20 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund und in vielen Städten liegt der Anteil nahe 40 %, wobei in den jüngeren Generationen der Anteil noch höher ist. Die Chancen, auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und sozial integriert zu sein, liegen offenbar in Städten im Durchschnitt höher als in kleinstädtischen und ländlichen Siedlungen – vor allem in Westdeutschland. Der alltägliche Umgang mit Fremden ist seit Jahrzehnten ein Wesensmerkmal westdeutscher städtischer Gesellschaften.

Die städtische Bevölkerung ist selbstverständlich in sich nicht homogen und verändert sich ständig. In der Lebensstil- und Milieuforschung werden die Menschen nach ihrer sozialen Schichtzugehörigkeit, Werthaltungen und kulturellen Präferenzen unterschieden. In verschiedenen Typologien werden wohlhabende, etablierte Milieus, pragmatische, aufstiegsorientiere Milieus, traditionelle, hedonistische oder zurückgezogene Typen identifiziert – neben anderen. Diese Milieus haben bestimmte Vorlieben und bevorzugen bestimmte Orte, an denen sie sich aufhalten. Es ist beispielsweise möglich, dass sich konservativ Etablierte und mobile, technisch orientierte Avantgardemilieus nicht begegnen, da sie unterschiedliche Orte bewohnen und verschiedene Verkehrsmittel nutzen. Nicht nur der Zuzug von Fremden, sondern auch die Einheimischen machen die bunte und sich wandelnde Stadtgesellschaft aus.

Die Begegnung der Vielen findet vor allem im öffentlichen Raum statt, in dem die Menschen typischerweise friedlich und freundlich distanziert miteinander umgehen. Der öffentliche Raum wird zugleich beschnitten durch Privatisierungen, Kommerzialisierungen und Sicherheitsbedürfnissen, die den allgemeinen Zutritt für die Bevölkerungsgruppen erschweren, die den Erwartungen nicht entsprechen (z.B. Ärmere, bestimmte jugendliche Subkulturen, bestimmte rassische Merkmale). Die Vielfalt muss ertragen werden können, denn über unsere Sinne (Augen, Ohren, Nase) nehmen wir die Anderen auf. In den hochkommerzialisierten Citylagen werden vor allem die konsumierenden Bevölkerungsgruppen angesprochen.

Die Vielfalt der Städte selbst wird nicht nur durch ihre Historie und baulichen Eigenarten bestimmt, sondern auch durch die Ausprägung spezifischer Wohnviertel für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Ein „Kiez“ entsteht durch eine Konzentration bestimmter Bevölkerungsgruppen, die eine für sie wichtige Infrastruktur ausprägen und Lokalkolorit erzeugen, die für die Bevölkerung als Stabilitäts- und Identifikationsanker in einer Stadt dienen können. Die Integration in bestimmte Stadtviertel erleichtert es, nahräumliche soziale Kontakte mit Personen mit ähnlichen Lebensstilen, Verhaltens- und Denkweisen aufbauen und sich zugehörig zu fühlen. Gelingt eine gesellschaftliche Integration in die Subsysteme Bildung, Arbeit, Wohnungsmarkt, Institutionen und Kultur nicht, spezifische Zutritts- und Spielregeln aufweisen und eine bürgerliche Existenz sichern, ist allerdings auch das Zusammenleben in den Stadtquartieren in Gefahr. Wie Walter Siebel in vielen Beiträgen immer wieder aufzeigt, erfolgen Abwehrreaktionen auf Fremde häufiger, wenn die eigene Existenz gefährdet ist und Unsicherheitsgefühle (z.B. vor geöffneten Grenzen) überhand nehmen (dies gilt z.B. für Ostdeutschland).

Integration erfordert daher ein nicht nachlassendes Bemühen des Staates, alle Bevölkerungsgruppen unabhängig von ihrer ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit in die zentralen Subsysteme aufzunehmen, Arbeitsmöglichkeiten, bezahlbare, bedürfnisgerechte Wohnungen oder den Zugang zu Bildungszertifikaten zu bieten. Die Voraussetzungen für Integration, also die Teilhabe an Arbeit, Wohnen und Bildung, müssen dabei teilweise erst geschaffen werden und erfordern hohe und vor allem stabile Investitionen und Strukturen. Die Teilhabe und Mitwirkungsmöglichkeiten der vielfältigen sozialen Lagen und Gruppen an der Stadtgesellschaft sind herausfordernde Aufgaben einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Dies trifft vor allem auf Städte zu, in denen ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht über die deutsche Staatsangehörigkeit verfügt, von Wahlen auch auf kommunaler Ebene ausgeschlossen ist und demokratische Strukturen nicht gewohnt ist. Differenzierung und Inklusion kann ein integrativer Prozess sein, wenn die Anstrengungen für alle Seiten anerkannt werden.

Society / Societies – Differentiation and inclusion, an inclusive process?

DQDS at bauhaus reuse, Berlin, 2017, © zukunftsgeraeusche

Prof. Dr. Annette Spellerberg

There is no doubt that we live in a complex, differentiated society, which is being changed and very dynamically interwoven with other societies, especially through internationalization and digitalization, so that there is talk of a caesura and not only of social change. This is expressed in current time diagnoses and theoretical approaches: Niklas Luhmann, for example, presented a grand design of the “society of society” in 1997, Zygmunt Bauman (2000) coined the term “liquid modernity,” Manuel Castells (2001) wrote three volumes on the “network society,” and Stefan Lessenich has drawn attention to the international division of labor and injustices in the “externalization society” (2016). Globalization, mobility, and digitalization affect all areas of life, from the macro to the micro level of interpersonal relationships and psychological processes. For example, the mobile internet on smartphones has significantly changed the way we maintain social contact with Whats App and Instagram.

Based on the major social trends, the question of new and old boundaries, exclusions, social affiliations and identifications arises. How are people included in society – insofar as it is possible to speak of “society” at all, which moreover does not stop at the border of the nation state? The differentiation of social situations and the integration or inclusion of diversity in social (sub-)systems is intensively discussed in the professional community.

Urban life in particular means the integration of strangers, the formation of (sub)cultures, and the advancement of social, cultural, and technical innovations. The immigration of refugees from crisis and war zones in 2014/15 has revived the topic of integration or inclusion. In Germany, 20% of the population has a migration background and in many cities the proportion is close to 40%, with the proportion being even higher in the younger generations. The chances of gaining a foothold in the housing and labor markets and of being socially integrated appear to be higher on average in cities than in small-town and rural settlements – especially in western Germany. The everyday interaction with strangers has been a characteristic of West German urban societies for decades.

The urban population is, of course, not homogeneous in itself and is constantly changing. In lifestyle and milieu research, people are differentiated according to their social class affiliation, value attitudes and cultural preferences. Various typologies identify affluent, established milieus, pragmatic, upwardly mobile milieus, traditional, hedonistic or reclusive types – among others. These milieus have certain preferences and prefer certain places where they spend time. For example, conservative establishment and mobile, tech-oriented avant-garde milieus may not meet because they inhabit different places and use different modes of transportation. Not only the influx of strangers, but also the locals make up the colorful and changing urban society.

The encounter of the many takes place primarily in public space, where people typically interact peacefully and with friendly detachment. At the same time, public space is curtailed by privatization, commercialization, and security needs that make general access difficult for populations that do not meet expectations (e.g., poorer people, certain youth subcultures, certain racial characteristics). Diversity must be able to be endured, because it is through our senses (eyes, ears, nose) that we take in others. In the highly commercialized city locations, it is primarily the consuming populations that are targeted.

The diversity of cities themselves is determined not only by their history and architectural characteristics, but also by the shaping of specific residential neighborhoods for certain population groups. A “Kiez” is created by a concentration of certain population groups that shape an infrastructure important to them and generate local color that can serve as an anchor of stability and identification in a city for the population. Integration into certain neighborhoods makes it easier to establish local social contacts with people with similar lifestyles, behaviors and ways of thinking, and to feel a sense of belonging. However, if social integration into the subsystems of education, work, the housing market, institutions, and culture does not succeed, exhibit specific rules of entry and play, and secure a civic existence, coexistence in urban neighborhoods is also at risk. As Walter Siebel repeatedly points out in many articles, defensive reactions to strangers occur more frequently when one’s own existence is endangered and feelings of insecurity (e.g., before open borders) take over (this is true, for example, in eastern Germany).

Integration therefore requires an unceasing effort on the part of the state to include all population groups, regardless of their ethnic or national affiliation, in the central subsystems, to provide job opportunities, affordable housing that meets their needs, or access to educational certificates. The prerequisites for integration, i.e. participation in work, housing and education, must first be created in some cases and require high and, above all, stable investments and structures. The participation and opportunities for participation of the diverse social situations and groups in urban society are challenging tasks of sustainable urban development. This is especially true in cities where a significant portion of the population does not have German citizenship, is excluded from elections even at the municipal level, and is not accustomed to democratic structures. Differentiation and inclusion can be an inclusive process if the efforts are recognized for all sides.